Manchmal liegt unser Himmel eben in Scherben

"Wie kommst Du auf deine Gedichte?", eine Frage, die mir nach einer Lesung immer wieder gestelllt wird.

Meist fehlen mir kurz nach einer Veranstaltung die Worte, denn das vegetative Nervensystem ist wohl emsig damit beschäftigt, meinen Adrenalinspiegel herunterzufahren.

Da kann es schon mal passieren, dass ich haltlos herumstottere.

Ich denke außerdem, so individuell wie wir es sind, so unterschiedlich kann auch die Sichtweise auf die Texte sein. Ich habe schon erlebt, dass meine Gedichte auf eine Weise interpretiert wurden, die sich mir noch gar nicht erschlossen hatte. Prima, ... bin ich dankbar (meistens jedenfalls:)

Dennoch habe ich mir heute ein Gedicht ausgesucht, zu dem ich etwas mehr erzählen möchte:

Scherbenhimmel

Ich werde euch Auszüge aus dem Text vorstellen, die ihr an der kursiven Schrift erkennen könnt.

Geschrieben habe ich Scherbenhimmel, kurz nach dem Absturz einer malaysischen Passagiermaschine in der Ukraine, bei dem alle Insassen, darunter viele Kinder ums Leben kamen. Ich hatte in den Medien mitbekommen, wie eine Frau mit fassungslosem Gesicht erzählte, dass bei ihr auf dem Grundstück, abgerissene Körperteile herumlagen, die aus dem Flugzeug geschleudert worden waren.

Ich weiß nicht mehr, was mich mehr erschütterte, ihr Gesichtsausdruck , oder die Tatsache, dass in ihrem Garten tatsächlich Leichenteile herumlagen.

Unvorstellbar!!

 

...der Torso eines Mannes schaukelt leise im Kirschbaum

als wäre er eins mit Blüten und Blättern,

die ihn zärtlich wiegend...

 

 

Es war nicht das erste Flugzeugunglück, das ich mitbekommen hatte. Zudem sind die Medien ständig voll mit Schreckensbotschaften, denen man sich kaum entziehen kann. Trotzdem ich war bestürzt, aufgewühlt und vor allem fühlte ich mich hilflos.

Die Nachrichten überschlugen sich mit Spekulationen: War die Maschine abgestürzt oder wurde sie abgeschossen und wenn, von wem.  Und, last but not least:

Wer hatte die Verantwortung zu tragen?

 

Damals ging ich regelmäßig zu einer Schreibgruppe. Dort stellte ich den Text vor, aber die wenigsten konnten damit etwas anfangen. Einige fühlten sich sogar angegriffen, oder fanden ihn zu radikal.

 

..während in unseren Champagnergläsern

Perlen der Ignoranz verdunsten...

Es herrscht Krieg!

Sind wir die Krieger?

 

Ich kann nur sagen, ich war zutiefst berührt und traurig als ich das Gedicht schrieb.

Ich habe durch die Worte, die regelrecht aufs Papier flossen, meinen Schmerz verarbeitet und wollte gleichzeitig zum Nachdenken anregen.

Das ist alles.

Nicht mehr und nicht weniger.

Ein vieldiskutierter Text, auch im Freundeskreis, aber mir war klar, dass ich ihn veröffentlichen muss.

Egal, was die Leute darüber denken. Schließlich schreibe ich nicht, um mich beliebt zu machen.