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Manuela Dal Poggetto
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30. November 2025

Wenn Selbstfürsorge Wellen schlägt

Vor einigen Jahren, während eines Zen-Sesshins durfte ich erfahren, dass Selbstfürsorge wie oft angenommen, nichts mit Egoismus zu tun hat, sondern heilsame Kreise zieht, ähnlich einem Stein, der ins Wasser fällt.  

Ein Zen-Sesshin ist ein mehrtägiges, intensives Meditations-Traninig, bei dem die Praxis des Sitzens in Stille im Mittelpunkt steht. Die Konzentration auf den eigenen Atem und die unmittelbare Erfahrung des Augenblicks sind in der Regel Herzstück eines solchen Retreats.

 

Der Ort an dem das Seminar stattfand war ein ehemaliges Kloster. In einem großen, von Säulen getragenen Raum saßen etwa hundert Menschen dicht an dicht auf ihrem Sitzkissen.

So ein Sesshin ist relativ herausfordernd, denn man ist angehalten sich in völliger Stille ohne Ablenkung selbst auszuhalten.

Stille kann ein Katalysator für Emotionen sein, die sich in Tränen verwandeln, nicht unbedingt als Audruck von Traurigkeit, sondern als Form innerer Reinigung.

 

Während einer dieser Sitzeinheiten saß ein Mann mittleren Alters neben mir, der leise weinte.  

Vergeblich versuchte er sein Schluchzen zu unterdrücken.

Ich hätte ihm gern meine Hand zum Trost auf die Schulter gelegt, doch ich wusste aus eigener Erfahrung, dass es heilsam sein kann alte Emotionen loszulassen, ohne dass jemand den eigenen inneren Raum betritt.

Außerdem ist es bei solch einem Sesshin die Gemeinschaft, die trägt.

Trotzdem fiel es mir schwer den Kummer dieses Mannes auszuhalten. Ich wusste nichts von ihm, kannte nicht einmal seine Stimme.

Meine Gedanken ließen mich nicht zur Ruhe kommen und so vernachlässigte ich meine eigene Übung.

Dem Mann an meiner Seite half ich dadurch nicht.    

Nach einiger Zeit gelange es mir mich wieder auf meine Atmung zu konzentrieren.

Ehrlich gesagt blieb mir keine andere Wahl.

 

Das leise Schluchzen nahm ich weiterhin wahr, doch der Drang helfen zu wollen ließ nach, bis er in meiner Atmung verschwand.

Ich sorgte für mich selbst und spürte, dass für mich nichts anderes zu tun war, als seinen Kummer wahrzunehmen. 

In Momenten des Schmerzes wollen wir "gesehen"  werden.

Schon das mitfühlende Wahrnehmen speist einen Menschen in Not mit  Kraft und lässt sowohl ihn und auch uns in einer Würde, die über den Verstand hinausgeht. 

Für mich war es eine Erfahrung, die bis heute ihre Kreise zieht, ähnlich einem Stein, den man ins Wasser wirft…

 

Wann hast Du das letzte Mal am Ufer gestanden und einen Stein übers Wasser hüpfen lassen?  

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Cristina “Hoi Hoi” (Sonntag, 30 November 2025 08:27)

    Sehr schön ❤️

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